Mittwoch, 6. Juli 2011

Der Sound echter einstürzender Neubauten



"Abriss" (C-15, KomistA, 1987)


Kultur und Veränderung
- nach diesem Prinzip arbeitet das Label/ der Verlag/ das Kulturprojekt KomistA bis zum heutigen Tage. In den späten Achtzigern waren die Gebrüder Sterneck, die hinter diesem Projekt standen und stehen, so etwas wie das gute (bzw. schlechte) politische Gewissen in der Hanauer Alternativ/Punkszene und massgebende Antriebskräfte bei der Besetzung des "Haus" in der Metzgerstrasse - das autonome Kulturzentrum, das seit
nunmehr 25 Jahre besetzt ist und scheinbar auch bleibt. Zahllose Konzerte unkommerzieller internationaler Bands, die so manches Leben im Publikum nachhaltig veränderten, wurden von KomistA organisiert und vorallem auch dokumentiert. Denn zwischen 1986 und 1992 veröffentlichte KomistA eine ganze Reihe unkonventioneller tapes, teilweise mit Livemitschnitten aus der Metzgerstrasse (etwa Alice Donut, Soulside, Spermbirds oder Culture Shock), teilweise mit (damals, in den grauen prä-Internet-Zeiten) nur schwer erhältlichen Aufnahmen wie etwa Kurt Schwitters Anna Blume oder interessante Compilations wie z.B. diese hier.

Besser und ausführlicher, als ich das überhaupt könnte, kann man die Geschichte von KomistA-tapes bei den Erzeugern selbst nachlesen:
"Die Veröffentlichung der KomistA-Tapes fiel in die Zeit von 1986 bis 1992. Kassetten von politischen Musikgruppen unterschiedlicher Stilrichtungen standen dabei neben skurrilen Geräuschaufnahmen und einigen Dokumentationen"


Abriss

Zu den "skurrilen Geräuschaufnahmen" muss man wohl besonders das heute vorgestellte tape "Abriss" zählen: ABRISS : Aufnahmen eines Einkaufs in einem Supermarkt und des Abrisses eines Gebäudes. Handgemachtes Cover von Robert Piesenecker aus Schmirgelpapier.

Bisher auch für mich nur Mythos, fand ich dieses tape doch letztens - auf der Suche nach verschollenen schweinehundtapes - in einer alten Cassettenkiste von Rautie!
Leider ist das Audiomaterial aber eigentlich ziemlicher Scheissdreck.
Na gut, field recordings, eine schlechte, verrauschte Kassettenrecorder-Aufnahme eines Haus-Abriss über anderthalb Seiten und eine halbe Seite mit dem Kassettenrecorder im Einkaufswagen durch einen Supermarkt....

Nichtsdestotrotz ist dieses tape auch ein wunderbares Beispiel dafür, daß damals in der goldenen Kassetten-Zeit kein Projekt zu unkommerziell oder unkonventionell war, um wenigstens auf einem rührigen Label wie KomistA eine Veröffentlichung zu erfahren.
Und das schöne Schleifpapiercover von Robert Piesenecker macht es bis heute zu einem Undergroundschmuckstück besonderer Güteklasse. Musste ja nicht hören - sieht aber geil im Regal aus!

Das war sicherlich nicht die primäre Intention für die Veröffentlichung dieser Kassette (das waren sicher Konsumkritik und die reizvolle Gelegenheit, den Sound echter einstürzender Neubauten auf Magnetband bannen zu können), sollte aber 24 Jahre später auch nicht als Nebensache vernachlässigt werden.



"Fremde Stimmen, schreiend"

Das erste KomistA-tape, das ich selbst je zu hören bekam, hieß "Fremde Stimmen, schreiend" und enthielt Aufnahmen früher Hanauer Punkbands (remember "Die Ärsche"?) und etliche befremdliche Soundcollagen.
KomistA schreibt darüber: "Erste "offizielle" KomistA-Veröffentlichung von 1986. Ein Mix von eingängigen Anti-Pop-Stücken über poetische Geräuschaufnahmen und Absurde Musik bis zum gefühlsechten Hardore-Punk. Mit Bakunin, Die Vergessenen, Mathe ohne Müller, Pogozei, Schulcore, Seelische Zwangsjacke, Tibo Leone, Wäscht noch Weißer (Porentief), Zwei Gestrige,...".

Hat mich mit dieser "Alles ist möglich"-Haltung wahrscheinlich mehr beeinflusst als mir damals klar war und zählt gewiss zu den Faktoren, die mich wenige Jahre später selbst anfing ließen, tapes zu veröffentlichen... Leider finde ich dieses Compilation aber im Moment nicht im (wohl doch nicht an allen Stellen wohlsortiertem) Archiv. Auch deshalb stellvertretend das "Abriss"-tape für all die guten Inputs, die ich (wir/ihr) damals von KomistA bekamen. Kultur und Veränderung halt - und da hat sich seitdem einiges getan!



Download "Abriss"


A short tape from the legendary KomistA tapelabel from Hanau/Maintal, that released some very interesting tapes in the late 8oies and early 9oies - for example live tapes of HC Bands
that played in the squatted ’autonomous culture-center’ in Hanau Metzgerstrasse (like Alice Donut, Soulside, Spermbirds or Culture Shock), historical recordings like Kurt Schwitters' "Anna Blume" or strange audio documents like this one: the sound of the demolition of an old building (a real einstuerzender Neubau, so to speak). In the days of portable digital recorders the quality of this recording must be considered as really, really bad - but that tape is also a nice example for a typical unconventional and non-commercial audio release in the golden age of tonbandkassette. Would rather like to post the highly influencial first KomistA tape-compilation "Fremde Stimmen schreiend" though but haven't got it anymore (or can not find it)...

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

so so... ziemlicher scheissdreck also..?!?

es handelt sich beim "abriss" tape um die stadthistorisch wertvolle aufnahme des abrisses des ehemaligen karstadt warenhauses in der hanauer hammerstrasse (wie passend). der supermarktbesuch fand anschliessend im ehemaligen hl-markt (seinerzeit auch szene-intern als "hitlers laden" bekannt) statt. dieser befand sich an der fahrstrasse ecke marktplatz.
wegen der großen nachfrage gab es auch noch eine 2. auflage des tapes mit neuem coverdesign! falls scans gewünscht werden > sehr gerne! auch kann mit einem coverscan des vom autor nicht auffindbaren "fremde stimmen schreiend" tapes gedient werden.
mit freundlichen grüßen

der künstler

tvuzk hat gesagt…

Lieber Künstler,

nein, "ziemlicher Scheissdreck" war nicht nett von mir!

In meiner englischen Kurzübersetzung hab ich besser auf den Punkt gebracht, was ich meine, nämlich dass die Audioqualität, die man damals mittels Cassettenrecorder erzielen konnte, echt scheiße ist im Vergleich, was digitale Recorder heute können. Gerade bei field recordings ist das offensichtlich. Denn das "Abriss"-Tape klingt (selbst nach leichter digitaler Auffrischung meinerseits) doch arg dumpf und mumpfig.!
Sehr schön aber, all diese Hintergrund-Infos zu erfahren, denn das wusste ich ja alles auch noch nicht. Da drängt sich mir auch gleich die Frage auf: gab es noch ein Beiblatt zu diesem tape, oder waren die Käufer eh' Eingeweihte, die wussten, worum es sich bei der Aufnahme handelt?? Da ich deine/eure Arbeit ja kenne, vermute ich eigentlich ersteres.
Und deswegen, na logisch: gerne hätte ich Scans der 2. Auflage (und des Beiblatts, so es eins gibt), werden dann hier natürlich in einem update gepostet!!
Das "Fremde Stimmen, schreiend"-tape hab ich sicherlich noch irgendwo (nur wo?) und sollte es mir über den Weg laufen, wird es auch hier gepostet. Falls du aber gleich auch einen mp3-Rip davon hättest, wäre es mir natürlich ein Fest, das sehr zeitnah tun zu können (nur der Coverscan wär mir aber zu unvollständig und ich würd den alten Kram schliesslich selbst gern mal wiederhörn...). Meine Kontaktadresse zu diesem Zweck geht kix_torstn (at) hotmail.com

Also, nix für ungut wegen dem Scheißdreck... denn der Rest ist nur Bewunderung! Und ich selbst habe schließlich die Textzeile erfunden: "Scheißegal, wie es klingt - hauptsache gemacht!"

Violess walorD hat gesagt…

4 DM --- irgendwie süss

Anonym hat gesagt…
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