Mittwoch, 13. Juli 2011

"Ich will nicht glücklich sein, denn Enten heissen Günther"




Raul - "Glücklichmensch"
(C-45, sht 005, 1990)



Ah, ein Klassiker!
Hier kommt das zweite Solo-tape von meinem Bruder Raul - voll mit symphatischen (bis niedlichen) LoFi Punk-Pop-Miniaturen, die auch im einundzwanzigsten Jahr ihrer Existenz nichts von ihrem Charme eingebüsst haben. Dank des tollen Covers (gestaltet natürlich von Rautie - und meiner Meinung nach eines der stärksten/schönsten Plattencover-Ilustrationen, die er je geschaffen hat!) war das tape immer schon ein eyecatcher, dass sich nicht zuletzt deshalb im schweinehund-mailorder immer gut verkaufte.

Aber eben nicht nur deswegen - die kleinen Liedchen hier verströmen einen Lo Fidelity-Charme, dem man alle Spielfehler verzeiht und die durch die lustigen und kuriosen Texte immer wieder gerne zum hinhören einladen. Und oh die Melodien!

Popnummern wie "Men from Star" oder "Rubberball" hätten ins Radio gemusst (ihr wisst schon: in einer besseren, gerechteren Welt), der Titelsong war eine Grunge-Hymne, die noch die nachsten 5 Jahre im Repertoire der Fishkicks verbrachte (...und es schliesslich sogar auf die einzige Vinylsingle der Fishkicks geschafft hat) - na, und "La Gloire" ist für mich ein Punkrock-Klassiker, der klingt, als sei er direkt im besetzten Haus in Schlumpfhausen eingespielt worden.


Wurde er sogar fast! Die Schlagzeugspur entstand nämlich, wie fast alle Schlagzeugtracks auf dieser Kassette, beim Matze Gruber im Hobbykeller. Matze war damals der Gitarrist der eindrucksvoll-seltsamen Wave-Band "Mayflower Madam" (siehe hier) und im Hobbykeller seines Elternhauses in Hanau-Großauheim probte die Band.

An Nachmittagen, an denen Mayflower Madam dort nicht probten, nutzte Raul das Schlagzeug, um mit dem schweinehundeigenen Vierspurrecorder dort zwei, drei 90-er Cassetten voller Schlagzeugspuren aufzunehmen. Während Frau Gruber zu Hause war und das stundenlande laute Getrommel von irgendnem Kumpel ihres Sohnes (soweit ich mich erinnere) wiederspruchslos hinnahm. Auch das ist irgendwie Rock'n' Roll. Passiver, wenn man so will!

Schlagzeugspielen konnte mein Bruder zwar tausendmal besser als ich (denn ich bin Schlagzeug-Legastheniker), aber natürlich auch nicht so richtig, so dass es hin und wieder etwas holprig wurde. Aber natürlich egal!

Daheim im eigenen Elternhobbykeller, in dem ausser einem Schlagzeug alle wichtigen Instrumente am start waren, bastelte er dann aus jedem der aufgenommenen Schlagzeugtakes einen kleinen Song. Die schönsten davon fanden dann ihren Platz auf diesem tape (es sollte aber noch eine tonne mehr von diesen songs geben, von denen es vielleicht bald mal welche zu hören gibt, wenn ich das nächste Großprojekt - das Archiv Raul zu digitalisieren - in Angriff nehme.).

Der Titelsong ist allerdings schlagzeugmässig eine ganz andere Geschichte, denn hier sitzt offenbar jemand an der Schiessbude, der sich damit richtig auskennt. Bei "Glücklichmensch" trommelt nämlich niemand anderes als Matze Schmidt, der ein Wochenende lang zu (nie veröffentlichten) Private-Urknall-Aufnahmen aus Kassel vorbeigeschaute und hier von Raul als versierter Sessiondrummer genutzt wurde.

Besonders gerne erinnere ich mich auch an den ganz persönlichen, familiären Song "Ablage", in dem sich Raul bitter darüber beklagt, dass unsere Mutter in ihrer Küche immer allerhand Sachen auf die große Gefriertruhe ablegte und man deswegen die Tiefkühlpizzen, von denen wir uns regelmässig um 2 uhr nachts ernährten, erst nach umständlichen Abräumaktionen herausholen und innerhalb weniger Minuten in der Mikrowelle verzehrfertig machen konnte. Vorher kamen aber noch 3-4 Scheiben Käse obendrauf, damit die Pizza auch wirklich schön schleimig war. "Ramonespizza" nannten wir das - nachdem wir die Ramones im Rock'n'Roll High School Film genau solche hatten essen gesehen.

Der Titelheld aus dem Song "Johnny Ritchek" ist übrigens - im Gegensatz zu dem, was uns der Song suggerieren will - alles andere als tot, sondern ein immer wiederkehrender Charakter im schriftstellerischen und filmischen Werk meines Bruders (wer's nicht glaubt, clickt hier!)...

Der Song "Währungsunion" ist inzwischen sogar zu einem Stück deutscher Zeitgeschichte geworden, er entstand irgendwann im Frühjahr 1990, als das Thema deutsch-deutsche Währungsunion groß in den Medien diskutiert wurde und wartet sogar mit Weisheiten auf wie "Der längste Schwanz auf Erden gehört immer noch den Pferden". Na, und ist es so etwa nicht?? Raul singt diese Nummer mit mir im Duett und Mayflower Madam's Matze spielt ein unvergessliches Gast-Gitarrensolo.

Dann gibt's da noch ein paar ganz schnelle, ganz geile deutsche Punkrocksongs, die ich heute als Hommage an die erste Boxhamsters LP ("Der Kommisar" und "Wie ich, wie Würmer, wie Propheten") bzw. an die erste Angeschissen-LP ("Stubenkater") verstehe. Beides Platten, die wir damals ständig und immer hörten...

Nicht vergessen darf ich Jobst, Brunsdorf und Letagius - die sagenumwobene Gesangsgruppe "Die Backpflaumenmänner", die so klangen, als hätte Raul seine eigene Stimme schneller gepitcht und mehrmals aufgenommen. Tja, möchte man meinen...- aber: sind in Wiklichkeit die Backpflaumenmänner!

Interressant finde ich den Hinweis im Textblatt auf den 7-Minuten Remix von "La Gloire", der auf einer Compilation mit unveröffentlichten Raul-B-Seiten erscheinen sollte. Was er nie tat. Weil er wahrscheinlich auch garnicht existiert, oder ? (- na, kommen da Kommentare, Raul??).


Download "Glücklichmensch" (natürlich inkl. Artwork)





The Lost First Tape


Die Werbeanzeige aus "Der Innere Schweinehund" (April 1990) weisst auf ein Mysterium hin, dass die Männer vom Archiv gerad mächtig beschäftigt: vor "Glücklichmensch" ist bereits ein erstes Raul-tape mit dem naheliegenden Titel "Sehen Sie nun einen Film über einen Mann mit einem Tonbandgerät in der Nase" (oder so ähnlich, ihr versteht schon, eine Monthy Python Hommage) erschienen, von dem wir nix mehr wissen. Weder, welche Stücke da drauf waren, noch, wie das Cover aussah... Spurlos verschwunden! Vielleicht taucht es ja auf, wenn ich endlich Rauls alte tapes in die digitale Zeit rübergeholt habe.
Spannend! (für mich, euch dürfte das eigentlich schwer egal sein...).



Recorded dircetly in a squat in the smurfs' hometown we present you: Raul's "Gluecklichmensch". A collection of very charming lofi punk and pop songs recorded almost completely by Raul alone (with a little Help by two Matzes, the famous vocal group "Die Backpflaumenmaenner" and his stupid big brother). Was a smash hit in our little tape mailorder in 1990 which certainly has something to do with the brilliant cover, created by the one and only Rautie...

Kommentare:

WildDevilMan hat gesagt…

Hmm, hat den nicht ein Krokodil den längsten Schwanz auf Erden?????

tvuzk hat gesagt…

...verflixt, ich denke seit Stunden darüber nach und alles was ich sagen kann ist: du hast recht!

Raul C.O. Kauke hat gesagt…

Schade, dass der erste Kommentar auf die Sache mit den Genitalien eingeht. So war das Täpe nicht gemeint.

Erwähnen würde ich gerne noch, dass "Der Kommissar" eine Urversion vom Kommissar Rautenberg in meinem gleichnamigen Film ist und auch sonstigen Kurzgeschichten mit dem Kommissar.

"Sehen Sie nun einen Film über einen Mann, der ein Tonbandgerät in seiner Nas hat" hatte eine limitierte Auflage von nicht mehr als 10 (ich weiß, der Matze hat eins - vielleicht auch der Frunk). Das Cover war handgemalt - eine rot-orange-farbene Fläche. Das Täpe war eine C-15.

tvuzk hat gesagt…

Was denn, was denn, wieso PIMMEL?

Ich bin mir sicher, dass sowohl der wilddevilmann wie auch ich ausschließlich von SCHWEIFEN redeten (Wirbelsäulenverlängerungen), ebenso, wie ich übrigens eigentlich dachte, es ginge auch im song um nix anderes???

Vielleicht müsste man mal "Pferdepenis" und "Krokodilpenis" googeln, um der Sache auf den Grund zu gehen, aber ich persönlich möchte das lieber nicht machen.

Und der 7-Minuten-Remix von "La Gloire" ? Fake oder vorhanden? Und, falls fake - würdest du 21 Jahre später noch einen anfertigen, exklussiv für und auf unpop??

WildDevilMan hat gesagt…

Ich weiß nicht wie ein Krokodilpenis aussieht, ich sehe hier lediglich den künstelerischen Aspekt.

Raul C.O. Kauke hat gesagt…

Ich will nichts mehr von Genitalien lesen!

Den Remix kann ich mir vorstellen, wenn die Grundspuren noch existierten.